Blutegeltherapie – Der sanfte Aderlass mit Special-Effects

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Der medizinische Blutegel - Hirudo medicinalis

Aus dem lateinischen Namen ergibt sich auch der Begriff “Hirudo-Therapie”, wie die Behandlung mit Blutegeln auch genannt wird. Am Anfang scheinen einem die kleinen borstenlosen Ringelwürmer etwas unheimlich vorzukommen, aber wenn man öfter mit ihnen arbeitet, sind es tolle Mitarbeiter mit diversen Einsatzmöglichkeiten!

Wo bekommt man sie her?

Für Pferdebesitzer ist der einzig rechtlich korrekte Weg seit der Änderungen im Arzneimittelgesetz im Januar 2022, sich an den Tierarzt zu wenden, der dann nach Vor-Ort-Untersuchung ein Rezept für eine gewisse Anzahl an Blutegeln zu einem bestimmten Zweck erstellt und diese für Pferde zulässt. Mit diesem Rezept kann der Besitzer in einer normalen Apotheke die Egel bestellen. Die Apotheken bekommen die Egel von speziellen Blutegelfarmen schön verpackt und wahlweise mit entsprechendem Gefäß dazu geliefert. Entweder holt der Besitzer nun die Egel ab, füllt sie selbstständig in ein Gefäß mit reichlich Wasser um und kann sie ab dem nächsten Tag selbstständig ansetzen oder er holt sich einen Hirudo-Therapeuten hinzu, der den Umgang mit den Tieren übernimmt. Auch die Dokumentation der verwendeten Tiere und die Entsorgung übernimmt dann z.B. der THP. 
Vor der Gesetzesänderung mussten die Egel zur Behandlung noch nicht auf Pferde umgewidmet werden, was nur durch einen Tierarzt geht. Man konnte sie einfach im Internet bei den Farmen selbst bestellen und verwenden.

Wie werden sie gehalten?

Nachdem die Blutegel im Paket nach Hause gebracht wurden, muss man sie aus ihrem Säckchen holen, abwaschen und in ein Glas mit viel Wasser setzen. Im Säckchen sind sie von der Fahrt noch ruhig und etwas benommen, ab dem Waschen ändert sich aber ihr Gemütszustand und ich rate, diese Prozedur zügig zu durchlaufen. Ansonsten klettern die ersten schon wieder aus dem Glas heraus, bevor alle eingesetzt sind. Da sich Egel jeden Tag einmal Häuten und diese Haut abstreifen müssen, kann man ihnen diesen Vorgang vereinfachen und ein paar scharfkantige Steine in den Behälter legen. Auch kann man noch etwas Sand und andere Elemente einbauen. Allerdings muss beachtet werden, dass das Glas verschlossen sein sollte, weil die Egel sonst das Weite suchen. Nichtsdestotrotz muss das Glas jeden Tag einmal durch Anheben des Deckels gelüftet und das Wasser einmal in der Woche getauscht werden.

Egel sind Zwitter, bevor sie Blut gesaugt haben sind sie männlich und nach Ansetzen der Egel wechseln sie ihr Geschlecht zu weiblich. Nicht die Geschlechtsänderung, sondern die Tatsache, dass die Männlichen Hunger auf Blut haben und die Weiblichen mit Blut vollgesaugt sind, bringt die Notwendigkeit mit sich, die Egel ab dem ersten Saugen getrennt zu halten. Generell ist es nicht mehr erwünscht einen einmal angesetzten Egel nach ein paar Monaten wieder zu verwenden, somit werden sie nach der Anwendung im besten Fall schonend eingefroren. Während des Einfrierens begeben sich die Egel in eine Kältestarre, aus der sie dann eben nicht mehr aufwachen. Niemals dürfen lebende vollgesaugte Blutegel einfach im nächsten Bach entsorgt werden! 

Wie funktioniert der gesundheitsfördernde Effekt der Blutegel?

Der medizinische Blutegel gehört zur Unterklasse der Kieferegel, daher hat er an seinem Kopfende drei sternförmig angeordnete Kieferleisten, wodurch auch der spezielle dreiteilige Abdruck nach der Anwendung kommt. An jeder Kieferleiste befinden sich ca. 80 Kalkzähnchen, die konzentrisch einen Schlitz in die Haut sägen, um ans Blut zu gelangen. Zwischen diesen Zähnchen befinden sich Speicheldrüsen, die Saliva, also den Speichel der Egel absondern. Am anderen Ende des Körpers befindet sich kein weiteres Maul, aber ein sehr starker Saugnapf. Auch mit dem Kopfende kann sich der Egel festsaugen und sich festhalten oder fortbewegen. Im Wasser ist die eigentliche Fortbewegungsart allerdings eine schlängelnde Bewegung. 

Im erwähnten Speichel sind über 100 bioaktive Stoffe enthalten, die gesundheitsfördernd wirken, welche genau und wie sie wirken ist zum Teil noch nicht vollständig erforscht. Der Biss eines medizinischen Blutegels hat neben dem Einflößen des Speichels noch den weiteren Effekt, dass Substanzen zum Teil abgesaugt werden können, wie z.B. von durch Gerinnungshemmern verflüssigte Thromben. Auch wird die Hirudo-Therapie als sanfter Aderlass bezeichnet, da die Bissstelle nach der Behandlung noch eine Zeit etwas nachblutet. 

Einige der bekannten Wirkstoffe im Speichel

Hirudin

Inaktiviert das für die Blutgerinnung notwendige Thrombin, sodass es zu einer verzögerten Gerinnungsfähigkeit des Blutes kommt. (Achtung bei Tieren mit angeborenen oder erworbenen Gerinnungsstörung! Bei ihnen ist die Blutegeltherapie zu unterlassen.)

Calin

Auch Calin ist für eine verzgögerte Blutgerinnung zuständig, sodass sich die beim Biss entstandene Wunde nicht so schnell schließt. Dadurch kommt es zu dem sanften Aderlass, also dem Nachbluten bis zu 12 Stunden nach der Anwendung. Die Wunde kann sich so stetig reinigen und schadhafte Stoffe können ausgeschieden werden.

Hyaluronidase

Die Hyaluronidase ist der Stoff, der sozusagen den Weg für weitere Wirkstoff ebnet. Er wirkt schleimlösend (evtl. antibiotisch) im Interstitium, wodurch der Durchtritt und die Diffusion von pharmakologisch aktiven Substanzen ins Gewebe ermöglicht wird.

Egline (a, b und c)

Die verschiedenen Egline haben eine antibakterielle und entzündungshemmende Wirkung. Auch sind sie an der Hemmung von alpha-Chymotrypsin, Chymase, substilisin, Elastase und neutrophile Cathepsin G beteiligt. Dadurch haben sie ebenfalls Einfluss auf Gerinnungsfaktoren und das Immunsystem.

Apyrase, Kollagenase, Acetylcholin, Destabilase

Zahlreiche Wirkstoffe sorgen für eine Gefäßerweiterung und weitere Gerinnungshemmung, durch ihre thrombolytischen Wirkungen.

Histaminähnliche Substanzen (z.B. Bdellin) und Carboxypeptidase A Hemmer

Diese Wirkstoffe sind ebenfalls wichtig für die Gerinnungshemmung, Gefäßerweiterung und führen zu einem schnelleren Blutstorm hin zur Bissstelle.

Chloromycetin

Wirkt antibiotisch

Anwendung beim Pferd

Da Egel sehr empfindlich sind, sollten während der Anwendung Handschuhe getragen werden. Je nachdem wie man es mag, kann man nun die Egel einfach an die gewünschte Stelle am Pferd setzen/halten und er wird sich dann seine Endposition suchen. Man kann sie auch in eine umgebaute Plastikspritze oder einen kleinen Becher setzen und ohne direkten Kontakt mit den Händen ans Pferd halten. Bei kurzem struppigem Fäll kann man die Stelle etwas rasieren, bei längerem Fell reicht ein zur Seite legen der Haare, um den Blutegeln den Weg an die Haut zu vereinfachen. Insgesamt sollten nicht mehr als 6 bis 9 Blutegel parallel an einem Großpferd angesetzt werden. Bis die Egel anbeißen kann es schon mal eine halbe Stunde dauern, es gibt aber gewisse Tricks, um das Anbeißen zu forcieren. Man kann die Haut ein klein wenig anritzen, bis der erste Bluttropfen kommt, die Stelle ohne Einritzen mit etwas Apfel einreiben oder spezielle Lockstoffe draufgeben. Bei kälteren Temperaturen empfiehlt es sich, die Stelle etwas zu erwärmen, mit einem Körnerkissen oder Föhn. 
Hat der Egel sich festgebissen und trinkt, lassen sich wellenförmige Bewegungen am Egelkörper erkennen. Ab diesem Zeitpunkt darf der Egel nicht mehr gewalttätig abgerissen werden, da sonst Kieferteile in der Wunde verbleiben und eine schlechte Heilung dir Folge sein kann.
Es kann passieren, dass der Egel beim Trinken einschläft, dann kann man ihn durch etwas Fingerdruck auf den Körper zum Weitertrinken bewegen.
Durchschnittlich trinkt ein Egel 20 bis 40 min, diese Zeit kann aber individuell variieren. Sobald der Egel satt ist, lässt er sich von alleine fallen und man sollte ihn in ein separates Gefäß packen.

Um dem Pferd die ganze Situation so angenehm wie möglich zu gestalten, kann man aus Mullbinde und Panzertape kleine Taschen für die Egel bauen. Dort setzt man sie rein und verschließt die Tasche. Zwischendurch muss immer mal geguckt werden, ob er schon gebissen hat bzw. schon fertig ist. Mit dieser Technik braucht der Mensch nicht die ganze Zeit beim Egel stehen und das Pferd kann sich bewegen. 
Nach der Behandlung sollte die Wunde möglichst bluten gelassen werden und nächsten Tag kontrolliert. Leckt das Pferd ständig daran, muss es noch im Anhänger nach Hause oder bekommt eine Decke auf die Stelle, dann kann man einen leichten Verband anlegen. Am nächsten Tag (12 Stunden später) sollte es dann nicht mehr bluten und die Wunde kann heilen. 

Anwendungsbeispiele

Hufrehe

Allgemein entzündliche Prozesse fallen in das Anwendungsgebiet der Hirudo-Therapie, darunter auch die Hufrehe. Die DHG e.V. konnte in einer Studie aus 2010 zeigen, dass die Anwendung von Blutegeln vor Allem zu Beginn (erste 72h) eines Hufreheschubes eine positive Wirkung auf den Krankheitsverlauf hat. Die Symptome haben sich bei den untersuchten Pferden innerhalb von 48h enorm verbessert. Aber auch bei Pferden, die erst später behandelt wurden, zeigten sich größtenteils noch gute Wirkungen. Welche Wirkstoffe genau zu diesen Ergebnissen führen, ist wie Vieles im Bereich Hufrehe noch nicht erforscht. Es lohnt sich jedenfalls so schnell wie möglich an die Egel heranzukommen als 1. Hilfe Maßnahme. Angesetzt werden ca. 3 Egel je betroffenen Gliedmaße entlang des Kronrandes. Siehe oben die Bilder als Beispiel.

Weitere

Durch die entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung, kann die Blutegelanwendung bei entzündlichen Prozessen im Bewegungsapparat nicht nur bei Hufrehe, sondern auch bei Arthritis, Sehnen- und Sehnenscheidenentzündungen, Bursitis (z.B. Hufrollenentzündung) und Myositis unterstützen. Auch Entzündungen der Haut, wie Mastitis, Dermatitis, Mauke, Ekzem und auch Hämatome und Narben gehören in den Anwendungsbereich der Blutegel. 

Möchtest du eine Blutegelbehandlung an deinem Pferd durchführen lassen, dann melde dich bei mir und ich helfe dir ab dem Zeitpunkt der Abholung der Egel aus der Apotheke. 

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